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Glücksspiel in Europa: Ein Flickenteppich aus Regulierung und Chancen

8. Juli 20267 Min.von Lisa Lustich
Redaktionell geprüft von Lisa LustichLetzte Prüfung:
Glücksspiel in Europa: Ein Flickenteppich aus Regulierung und Chancen

Der europäische iGaming-Markt ist extrem fragmentiert, mit unterschiedlichen Wachstumsraten und regulatorischen Rahmenbedingungen. Während Großbritannien 2024 einen GGY von 7,8 Milliarden Pfund verzeichnete, kämpft Deutschland mit einer Abwanderung ins Schwarzmarkt – laut Branchenverbänden bis zu 47 Prozent der Gesamtaktivität.

Europa bleibt als Online-Glücksspielmarkt faszinierend und oft missverstanden. Unter der Vorstellung eines geeinten Kontinents verbirgt sich ein Mosaik aus Regulierungen, Spielkulturen und Zahlungsgewohnheiten. Diese Eigenheiten können je nach Land stark variieren, von den gesättigten Märkten Westeuropas bis zu den wachsenden Regionen Mittelosteuropas und des Balkans. Wer hier erfolgreich sein will, muss die lokalen Gegebenheiten genau kennen.

Die Unterschiede zwischen den sogenannten Tier-1-, Tier-2- und Balkan-Märkten sind enorm. Das macht eine einheitliche Strategie für Anbieter fast unmöglich. Anstatt von einem „Einheits-Europa“ auszugehen, müssen Glücksspielunternehmen ihre Angebote bis ins Detail anpassen – von den Spielen selbst über die Zahlungsoptionen bis hin zu Marketingmaßnahmen. Flexibilität ist das Schlüsselwort in diesem dynamischen Umfeld. Zenith-Manager Vitalii Smoliarenko hat sich dazu jüngst geäußert.

Zahlen und Fakten

Vitalii Smoliarenko, Business Development Manager bei Zenith, hebt die erheblichen Unterschiede hervor. Er sieht die Tier-1-Märkte wie Großbritannien, Deutschland und die Niederlande als bereits sehr reif an. Sie sind hart umkämpft und zunehmend durch strenge Vorschriften eingeschränkt, was die Gewinnspannen drückt. In Großbritannien stieg der gesamte Remote Gross Gaming Yield (GGY) im Geschäftsjahr 2024 um 13,1 Prozent auf 7,8 Milliarden Pfund. Allein Online-Slots trugen dazu 4,2 Milliarden Pfund bei.

Deutschland erlebt eine andere Entwicklung. Strenge Ein­satz­kon­trol­len, feste Drehdauer und monatliche Einzahlungslimits haben einen erheblichen Teil der Spielaktivität aus dem lizenzierten Bereich gedrängt. Die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) schätzt die unregulierte Aktivität auf etwa 23 Prozent des gesamten Bruttospielertrags (GGR). Branchenverbände wie der Deutsche Online Casino Verband und der Deutsche Sportwettenverband gehen jedoch davon aus, dass die wahre Zahl eher bei 47 Prozent liegt.

Tier-2-Märkte wie die Slowakei und Polen zeigen derweil beeindruckende Wachstumszahlen. Die Slowakei erreichte 2024 einen Online-GGR von 476 Millionen Euro, ein Plus von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In Polen ist der Online-Casino-Markt noch ein staatliches Monopol, aber die Branche setzt sich aktiv für eine Liberalisierung ein.

Hintergrund

Die Regulierung ist in allen drei Marktsegmenten eine zentrale Herausforderung. In den Tier-1-Märkten geht es vor allem darum, sich innerhalb bestehender, aber immer anspruchsvollerer Rahmenbedingungen zu bewegen. Die 5,3-prozentige Einsatzsteuer in Deutschland etwa hat die Marketingbudgets so stark eingeschränkt, dass es schwierig wird, mit Graumarkt-Anbietern bei der Sichtbarkeit zu konkurrieren. Die Niederlande melden einen Umsatzrückgang von 10 Prozent in der zweiten Jahreshälfte 2024 nach verschärften Einzahlungsgrenzen. Die niederländische Regulierungsbehörde bemerkte einen Anstieg der Suchanfragen nach illegalen Anbietern um 23 Prozent seit Inkrafttreten der neuen Regeln.

Dieses Muster zeigt sich in vielen Tier-1-Märkten. Striktere Regulierung drückt die Einnahmen lizenzierter Anbieter, ohne die tatsächliche Nachfrage zu senken. Stattdessen weicht ein Teil der Spieler auf den unregulierten Markt aus, wenn der Unterschied zwischen legal und illegal zu groß wird. Das ist ein Problem, das auch strengere Durchsetzung allein nicht lösen kann.

In den Tier-2-Märkten und im Balkanraum entwickeln sich die regulatorischen Rahmenbedingungen noch. Das schafft sowohl Chancen als auch Unsicherheiten. Eine Gesetzesänderung in Polen im Jahr 2024 bot neue Möglichkeiten, doch der Graumarkt macht dort immer noch etwa 50 Prozent der gesamten Aktivität aus. Der Balkanraum bewegt sich durch die Gründung der Balkan Gaming Federation Ende März 2026 auf mehr Harmonisierung zu. Diese Föderation vereint sieben nationale Verbände aus Ländern wie Serbien, Bulgarien, Kroatien, Rumänien, Montenegro, Bosnien und Herzegowina sowie Nordmazedonien. Sie will gemeinsame Standards für Compliance und verantwortungsbewusstes Glücksspiel etablieren. Miloš Lalević, Vizepräsident von GPIS Montenegro, betont die Rolle lizenzierter Betreiber im Kampf gegen den Schwarzmarkt:

„Lizenzierte Betreiber sollten nicht als Teil des Problems angesehen werden – sie sollten als Teil der Lösung anerkannt werden. Sie sind die Unternehmen, die in Compliance, Programme für verantwortungsvolles Glücksspiel, Verbraucherschutz, technologische Innovation und Anti-Geldwäsche-Systeme investieren. Wenn Regierungen den illegalen Glücksspielmarkt wirksam bekämpfen wollen, brauchen sie starke und wettbewerbsfähige regulierte Märkte.“ - Miloš Lalević, Vizepräsident von GPIS Montenegro

Im Osten Europas und auf dem Balkan dominiert Sportwetten in einer Weise, die in Westeuropa keine Entsprechung findet. Fußball ist hier nicht nur ein primäres Akquisemittel, sondern auch tief kulturell verankert. Live-In-Play-Wetten sind besonders beliebt. Anbieter, die dort mit Casino-Spielen starten, machen laut Smoliarenko einen strategischen Fehler. Casino sollte erst als Cross-Selling-Angebot in der zweiten Phase folgen, nachdem eine Beziehung über Sportwetten aufgebaut wurde.

Ein weiterer kritischer Punkt ist die Zahlungsinfrastruktur. Spieler in jedem Markt haben spezifische Präferenzen. Während in Skandinavien oft Trustly genutzt wird und Klarna in Deutschland beliebt ist, sind auf dem Balkan lokale Banküberweisungen und digitale Geldbörsen unerlässlich. Wer es versäumt, die richtigen lokalen Zahlungsmethoden zu integrieren, muss mit einer deutlich höheren Abbruchrate bei Einzahlungen rechnen.

Was heißt das für deutsche Spieler?

Für deutsche Spieler bedeutet die skizzierte Entwicklung eine Spaltung des Marktes. Die strengen Regeln des Glücksspielstaatsvertrags 2021 (GlüStV 2021) sollen den Spielerschutz erhöhen, etwa durch das 1-Euro-Einsatzlimit pro Spin bei Online-Slots und das monatliche Einzahlungslimit von 1.000 Euro ins Spielerkonto über LUGAS (Länderübergreifendes Glücksspielaufsichtssystem). Diese Maßnahmen sollen das Risiko von Spielsucht minimieren und den Schwarzmarkt eindämmen. Doch wie die Zahlen zeigen, verfehlen sie ihr Ziel oft: Ein erheblicher Teil der Spieler weicht auf unlizenzierte Angebote aus, wo solche Schutzmechanismen fehlen. Das ist gefährlich, da diese Angebote keine deutsche Lizenz besitzen und somit nicht von der GGL überwacht werden.

Was das für GGL-Casinos heißt

Für GGL-lizenzierte Casinos sind die Bedingungen in Deutschland schwierig. Die hohen Steuern und Regulierungsauflagen beeinflussen die Rentabilität und die Möglichkeiten, mit attraktiven Angeboten zu werben. Im Wettbewerb mit unregulierten Anbietern, die keine solchen Einschränkungen haben, stehen sie vor großen Herausforderungen. Das deutsche Regulierungssystem ist eines der strengsten in Europa und zwingt Anbieter zu kreativen Lösungen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dabei spielt die korrekte Integration von Spielerschutzmaßnahmen eine ebenso große Rolle wie die technische Infrastruktur, die dem GlüStV 2021 entspricht. Die GGL ist bestrebt, den deutschen Online-Glücksspielmarkt für Spieler sicher zu machen. Für die Anbieter bedeutet das jedoch einen schmalen Grat zwischen Compliance und Wirtschaftlichkeit.

Quellen & weiterführende Links

Glücksspiel kann süchtig machen. Spielen Sie verantwortungsbewusst. Hilfe und Beratung unter 0800 1 372 700 (BZgA, kostenlos & anonym).

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